Straßenfrustration
Ich habe das Pech in einer der befahrensten Straßen im Norden Londons zu leben. Die Straße ist breit, lang und gerade, aber voll von rülpsendem Verkehr. Polizeisirenen jaulen, Busse zischen, wenn die Busfahrer auf die Bremsen treten. Laster rumpeln wie wilde Rhinozerosse. An den Ampeln drängeln alle Maschinen an die Pole-Position. Die Luft ist erfüllt von Lärm.
Aber davon abgesehen, macht es mir nicht viel aus. Was mich wirklich wahnsinnig macht, sind nicht die Autos oder Laster, sondern die Leute. Hunderte und Tausende von ihnen verstopfen den Bürgersteig. Sie sollten alle einen Fußgängerführerschein machen müssen, denn die meisten von ihnen gehen wie Untote.
Wenn ich von A nach B gelangen will, möchte ich gerne rechtzeitig ankommen. Aber dieses Pack hält mich auf. Lassen Sie mich von den Wesen berichten, die diesen schmutzigen Dschungel bevölkern.
Mütter mit Kinderwagen. Alte Damen mit Einkaufswagen.
Leute, die in die eine Richtung gehen und in die entgegengesetzte Richtung schauen. Banden von Schulmädchen, die herumtanzen und Spice Girls-Lieder kreischen. Kinder auf Fahrrädern kurven den Bürgersteig hoch und runter. Alte Männer mit Krückstöcken.
Nehmen wir die zuerst. Der Krückstockmann. Er ist alt. Er weiß, daß er sich dem Ende seines Lebens nähert. Also ist ihm alles egal. Mit schrumpfendem Rückgrat und wackeligen Knien läuft er zickzack über den Bürgersteig. Und dann ohne Grund und ohne Vorwarnung bleibt er plötzlich wie angewurzelt mitten auf dem Bürgersteig stehen und verursacht Auflaufunfälle. Wenn man vor ihm geht, rammt er einem den Krückstock in den Arsch und verursacht anale Blutungen.
Dann ist da die Mutter mit ihrem Kinderwagen und ihrem dicken Baby. Als sie es geboren hat, kam nicht nur ihr ungezogener Nachwuchs heraus, sondern mit ihm auch ihr gesamter Grips. Sie zielt mit ihrem tödlichen Kinderwagen nach dir. Du hast die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten. Entweder du läßt dir von ihr Knöchel und Schienbein aufschürfen, oder du springst vom Bordstein und läßt dich von einem herannahenden Laster zermatschen. So oder so, ihr ist es egal. Sie hat weder Manieren noch Anstand. Sie interessiert sich nur für sich selbst und ihren Nachwuchs. Sie walzt sich ihren Weg durch die Menschen wie ein überhitzter Panzer, ohne auch nur ein leises »Entschuldigung bitte".
Was würde ich gerne mit dieser Bande von Leuten geschehen sehen? Ich würde gerne augenblickliche Herzanfälle rundherum beobachten. Dann könnten die Müllmänner kommen und die Kadaver zusammenfegen und die Straße, in der ich wohne, wäre ein hübscher Ort, um spazierenzugehen.
Sexton Ming
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