Erster Teil
Eines Tages dachte Randos der Bulle: »Ich hab' schon lange
keinen Urlaub mehr gehabt. Das letzte Mal vor drei Jahren. Und
das waren nur zwei Wochen in einer Zementfabrik. Ich würde
gerne irgendwohin nach Deutschland fahren. Aber ich will nicht
nur an einem Ort bleiben. Ich möchte das ganze Land sehen.
Ich werde Rucksackurlaub machen, das isses. Aber ich hab' noch
nie Rucksackurlaub gemacht. Ich bin sicher, das hat einiges für
sich. Ich werde jemanden mit Erfahrung suchen, der mich begleitet.«
Randos setzte eine Anzeige in die örtliche Zeitung.
»Voll ausgebildeter Bulle, Ende dreißig, kämpft
gerne. Möchte jemanden kennenlernen für gemeinsamen
Rucksackurlaub in Deutschland.«
Nach ein paar Tagen bekam Randos eine ganze Menge E-Mails von
interessierten Leuten. Aber nicht alle klangen vielversprechend.
»Hi, mein Name ist Bobby. Ich möchte der erste sein,
der ganz Deutschland in rosafarbenen Unterhosen bereist. Ich kann
nicht laufen, deshalb müssen Sie meinen Rucksack tragen.«
Aber eine E-Mail war dabei, die vielversprechend klang. »Mein
Name ist Chet Eisen. Ich interessiere mich sehr für Ihre
Idee, mit dem Rucksack durch Deutschland zu reisen. Deutschland
wäre gutes Training für mich. Ich bin durch die ganze
Welt gereist. Ich habe mit Krokodilen gekämpft und Tigern
das Genick gebrochen. Ich bin superfit. Ich bin ein Adonis.«
»Hm«, dachte Randos. »Der Typ klingt ganz schön
eingebildet. Aber auch erfahren.«
Randos nahm Kontakt zu Chet auf, und sie trafen sich auf ein
Bier. »Ich finde Ihre Idee durch Deutschland zu reisen toll,
Randos«, sagte Chet. »Aber ich mache mir ein wenig
Sorgen wegen ihres Alters und Gewichts.« »Wie meinen
Sie?« fragte Randos.
»Für einen Rucksackurlaub muß man sehr jung
sein. Alte Menschen halten dem Druck nicht stand. Und Sie sehen
komisch aus. Sehen sie mich an. Ich bin jung und werde es immer
bleiben.«
»Das ist unmöglich. Wir alle altern mit jeder Sekunde.«
»Nicht mehr«, sagte Chet. »Ich habe mir ein
Gerät gekauft, das den Alterungsprozeß aufhält.
Es wurde von einem Wissenschaftler namens Vollidiot erfunden.«
»Doch nicht der verrückte Vollidiotenforscher?«
lachte Randos. »Seine Erfindungen funktionieren nie.«
»Bleibt noch die Frage Ihrer Fettleibigkeit.«
»Was meinen Sie mit ðFettleibigkeitĐ?«
toste Randos, der allmählich wütend wurde. »Ich
habe tonnenweise Muskeln.«
»Ja, Sie sind gut gebaut, aber ihre Muskeln sind nicht
besonders klar definiert.«
Randos schnaubte vor Wut, bewahrte aber die Fassung. »Meine
sind kristallklar«, sagte Chet, riß sein T-Shirt herunter
und entblößte seinen muskulösen Oberkörper.
»Jede Muskel meines einzigartigen Körpers sitzt genau
an der richtigen Stelle. Ich halte mich durch tägliches Training
im Fitnesscenter in Form. Und auch damit«, Chet klapperte
mit einer Pillendose vor Randos' Gesicht. »Steroide«,
sagte Chet stolz. »Damit werden Muskeln so perfekt wie meine.«
»Ich halte meinen Körper durch harte Arbeit und Schweiß
in Form«, sagte Randos, »Ich reiße Straßen
auf. Liefere Kühlschränke auf dem Rücken ab und
verbiege Stahlträger.«
»Das ist ja so altmodisch, Randos«, lachte Chet.
»Das ist die Mentalität der 40er-Generation. Weißt
du, du bist zu alt für einen Rucksackurlaub. Aber mit mir
an deiner Seite kriegen wir das schon irgendwie hin.« Randos
war soweit, Chet ordentlich die Fresse polieren zu wollen. Aber
er dachte: »Nein, ich weiß nicht viel über Rucksackurlaube.
Aber dieses menschliche Scheißhaus schon. Ich muß
tolerant bleiben.«
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Teil II
P Was bisher geschah: Randos der Bulle sucht über eine
Zeitungsannonce Mitreisende für einen Rucksackurlaub in Deutschland.
Unter den vielen Interessenten scheint ihm keiner erträglich,
doch Chet, ein angeberisches Muskelpaket, scheint zumindest einiges
an Erfahrung mitzubringen. Randos beschließt, sich auf das
Abenteuer einzulassen.
Eine Woche später fuhren Chet und Randos an den Flughafen
und checkten ihr Gepäck ein. Randos gab seinen Rucksack mit
seinem Glücksbringer ab. Chet tat unbeeindruckt.
»Ach. Auf so manchem Rucksackurlaub schon habe ich eine
Tonne steinharten Zement mit mir herumgeschleppt.« Die Fluggesellschaft,
mit der sie flogen, hieß »Sprechen Berlina«.
»Ach, Randos«, beschwerte sich Chet. »Du hättest
doch bei einer englischen Fluggesellschaft buchen können.«
»Warum?« fragte Randos. »Wir fliegen doch nach
Deutschland, wie sollte man da besser hinkommen als mit einer
deutschen Fluggesellschaft?«
»Aber die Deutschen können nicht richtig fliegen«,
sagte Chet besserwisserisch. »Nur die Engländer wissen,
wie das geht. Deshalb haben wir den Krieg gewonnen. Und ich wette,
die servieren uns Bratwurst. Das ist nicht gut für meine perfekte
Verdauung.«
»Ich persönlich mag Würstchen, sehr mag ich die«,
sagte Randos. Chet verdrehte die Augen und seufzte.
Nach einer kurzen Busfahrt erreichten sie ihre erste Herberge. Sie
war grün gestrichen.
»Hä«, sagte Chet. »Guck dir die Farbe von
diesem Haus an.«
»Was stimmt nicht damit?« fragte Randos. »Grün
ist hübsch. Es wirkt entspannend.«
»In England streicht man Herbergen rot. Die Farbe des Heavy
Metal. Ich weiß nicht, ob du dich mit Heavy Metal auskennst.
Das hören junge Leute. Es ist sehr muskelbetont und aggressiv,
so wie ich.« »Hahaha. Du und aggressiv? Bring mich nicht
zum Lachen, du Arschficker«, sagte Randos.
»Ich zeig dir, wie aggressiv ich sein kann«, sagte Chet.
Chet ging zu einem Mädchen, das mit dem Rucksack unterwegs
war und haute ihr aufs Knie.
»Oooohhh«, machte das Mädchen, das den Schlag für
Anmache hielt. Randos dachte: »Was für ein Wichser.«
»Siehste«, sagte Chet. »Das war die reine Agression.
Jetzt gehen wir an die Bar.«
»Gut«, dachte Randos. »Laß uns mal ein bißchen
ernsthaft trinken.«
PLesen Sie in zwei Wochen: Wie es Randos gelingt, Chet nicht
totzuschlagen. Jedenfalls erstmal nicht.
Aus
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Teil III
P Was bisher geschah: Randos der Bulle fährt mit dem Muskelpaket
Chet auf Rucksackurlaub nach Deutschland. Als Randos feststellt,
daß sich dem Angeber nicht mal mit Bratwurst das Maul stopfen
läßt, sucht er Zuflucht beim Alkohol.
In der Bar saßen viele junge Rucksackreisende, die Bier
tranken und sich unterhielten. Australier, Kanadier, viele Leute
aus vielen verschiedenen Ländern rund um den Globus.
»Ich nehme sechs Liter Bier«, sagte Randos zum Barmädchen.
»Und für ihn dasselbe.«
»Ach nein, Randos«, beschwerte sich Chet. »Deutsches
Bier ist nicht so gut wie englisches Bier. Deshalb haben wir ja
auch den Krieg gewonnen. Ich nehme nur ein Glas Mineralwasser,
damit kann ich mein Anabolikapillen schlucken.«
Randos und Chet entdeckten zwei freie Holzstühle und setzten
sich.
»Die Deutschen können einfach keine Stühle bauen«,
sagte Chet. »In England haben wir Plastikstühle. Und
ich hoffe, in dieser Herberge sind die Matratzen nicht weich.
Ich schlafe gerne auf einem Glasbett. Weil ich so hart bin.«
Randos süffelte schweigend sein Bier. »Dieser Typ geht
mir wirklich auf die Nerven. Ich weiß nicht, wie lang meine
Geduld reicht. Vielleicht muß ich ihn allmählich umbringen.«
Die Nacht schritt voran. Randos machte sich an seinen vierten
Liter Bier.
»Das ist dein Problem Randos«, sagte Chet. »Du
trinkst zuviel.«
»Ach ja?« sagte Randos und hob die Stimme.
»Ja. Deshalb sind deine Muskeln so ausgeleiert.«
Randos verlor die Ruhe. »Ich habe mehr Kraft in meinen Muskeln
als du, du Steroidmutant.«
»Hohoho. Ich könnte mit nur einem einzigen Schlag einen
Mann töten«, prahlte Chet. »Hast du nicht gesehen,
wie ich das Rucksackmädchen k.o. geschlagen habe?«
»Nur Schwuchteln schlagen Mädchen. Versuch doch mich
umzuhauen.«
Chet donnerte Randos die Faust in den Bauch. Nichts passierte.
Chet lachte nervös. »Ich wollte dich schonen. Jetzt
werde ich dich fester schlagen, so fest, daß dir die Eingeweide
zum Arsch rauskommen.« Chet schlug fest zu. Durch die Wucht
brach er sich die Hand.
»Arrrgggh, meine Hand ist gebrochen«, schrie er vor
Schmerz.
»Und das hier auch«, sagte Randos und donnerte seine
Faust auf Chets Kiefer.
»Aaargggh«, schrie er wieder. »Du hast mir den
Kiefer aus dem Gesicht geschlagen. Dein Schlag ist wie ein Vorschlaghammer.«
»Deshalb trainiere ich ja mit dem Vorschlaghammer«,
sagte Randos und schlug Chet, bis er bewußtlos war.
»Hurra, Randos«, sagten die Rucksackreisenden. In
der Bar befand sich auch der Bürgermeister von Berlin. Er
kam herüber und schüttelte Randos die Hand.
»Danke, Randos«, sagte er. »Danke, daß
du diesem nervtötenden englischen Scheißer eine Lektion
erteilt hast. Du hast alle Freiheiten in Berlin. Und ich werde
dafür sorgen, daß in dieser Stadt niemand Anabolika
einnimmt. Currywurst für alle.«
»Hurra«, sagte Randos. »Ich persönlich
mag Würstchen, sehr mag ich die.«
P Aus dem Englischen von Conny Lösch