Der
Drei-Rad-Wagen
Von Sexton Ming
Frederick Smear war ein akademisch gebildeter Mann. Er hatte
eine gute Schule besucht. Er ging zur Universität und
bekam ein Stipendium für Wirtschaftswissenschaften.
Im Alter von fünfunddreißig hatte er ein hübsches
Haus, eine hübsche Frau, zwei wunderbare Kinder und eine
gute Stellung als Führungskraft bei »Große
Weite Welt Plastik«, dem größten Plastikhersteller
der Erde.
Eines Tages stand Frederick zwischen Wasserspender und Kaffeemaschine
im Büro und las die Zeitschrift Welches Auto soll ich
mir kaufen?.
»Was liest du da Fred?« fragte Jim Slug aus der
Buchhaltung.
»Eine Zeitschrift für Autokäufer«, sagte
Fred. »Ich überleg mir, ob ich mir ein neues Auto
kaufen soll. Mein Mercedes ist fünf Jahre alt. Ich finde,
es ist Zeit für was Neues.«
»Hol dir doch den Zenith X. 83«, meinte Jim. »Der
hat Kraftlenkung, ABS-Bremsen und kommt in weniger als fünf
Sekunden von null auf 100.«
»Nee, den nicht«, sagte Andy Puddle und mischte
sich in die Unterhaltung. Er arbeitete in der Abteilung für
Design. »Du mußt dir den Astro 2.50 UV holen.
Der hat von der NASA entworfene Raketenvergaser, Kurbelverstärker
und ein computerisiertes Lenkrad. Außerdem einen computerisierten
Motor und eine computerisierte Gangschaltung, computerisierte
Stoßdämpfer und Dosenhalter. Er kommt in weniger
als drei Sekunden von null auf 100.«
Den ganzen Tag über gaben alle im Büro Frederick
gute Ratschläge, für welchen Wagen er sein Geld
ausgeben sollte.
Am Abend fuhr Frederick nach Hause. Unglücklicherweise
war die Straße, über die er normalerweise nach
Hause fuhr, gesperrt. Er mußte eine Umleitung nehmen.
Aber auf den fremden Nebenstraßen hatte sich Frederick
rasch verfahren.
»Verdammt!« dachte er bei sich. »Wo bin
ich. Ich will doch nur nach Hause zu meiner Frau und einem
Riesenberg zu essen.«
Plötzlich tat es einen lauten Schlag unter der Motorhaube.
Rauch stieg auf. Der Mercedes blieb stehen und ließ
sich nicht mehr starten.
Er sah die Straße hoch. Zweihundert Meter entfernt war
eine Tankstelle. Sie sah allerdings nicht besonders vielversprechend
aus. Alle Lichter waren aus. Sie schien seit Jahren keinen
Kunden mehr gehabt zu haben. Die Benzinpumpen stammten aus
den fünfziger Jahren. Frederick war verzweifelt.
» Vielleicht ist ja doch jemand da, der mir helfen kann«,
dachte er. Also schob er seinen Mercedes die Straße
hoch.
Das Haus war völlig verfallen. Frederick klopfte an die
Holztür.
»Hallo, ist jemand da«, fragte Frederick. Stille.
Frederick klopfte noch mal. Langsam und knarrend öffnete
sich eine Tür. Vor Frederick stand ein alter Mann. Sein
Gesicht war faltig. Er hatte einen langen weißen Bart.
Er trug einen langen, roten Umhang mit Kapuze, die seine Augen
verdeckte. In der rechten Hand hielt er einen Zauberstab,
auf dem die Göttin Isis abgebildet war.
»Ich bin Tuhkan. Der Schutzheilige aller Automobile«,
sagte der Alte mit tiefer, wohlwollender Stimme.
»Du bist ein alter Hippie«, sagte Frederick wütend.
»Reparier sofort mein Auto. Ich arbeite für eine
mächtige Firma. Und deshalb bin ich wichtiger als du
mit deinen New-Age-Weisheiten.«
»Weisheit beginnt mit der Feststellung, daß man
nichts weiß«, sagte der alte Mann.
»Hör auf mit dem Hippie-Scheiß und guck mein
Auto an.«
Der alte Mann sah unter die Haube von Fredericks Mercedes
und schüttelte den Kopf.
»Alle Kolben sind explodiert« stellte der alte
Mann fest.
Was bisher geschah: Frederick,
der für eine reiche mächtige Firma arbeitet und
dort furchtbar wichtig ist, hat ein schlimmes Problem. Er
will ein neues Auto kaufen und weiß nicht welches. Auch
in der Fachpresse findet er keine eindeutige Entscheidungshilfe.
Seine Kollegen nerven mit überhaupt nicht gut gemeinten
Ratschlägen. Abends nach Büroschluß hat er
auf dem Nachhauseweg eine Autopanne. Er entdeckt eine merkwürdige
Werkstatt. Der alte Monteur, den er dort antrifft, riskiert
einen Blick unter die Motorhaube des Mercedes und stellt fest,
daß alle Kolben explodiert sind.
»Jetzt brauch ich einen
neuen Wagen«, sagte Frederick laut und kratze sich am
Kopf.
»Sie brauchen ein neues Auto?« fragte der alte
Mann.
»Natürlich«, erwiderte Frederick die alberne
Frage.
»Dann kommen Sie mit«, sagte der alte Mann. »Ich
habe einen Wagen, der Ihre Träume in Erfüllung gehen
läßt.« Der alte Mann führte Frederick
um das Tankstellengebäude herum in eine Werkstatt.
»Es ist kein Neuwagen«, fuhr der alte Mann fort.
» Er kommt nicht direkt vom Fließband, aber er
ist magisch.«
Der alte Mann entfernte das Vorhängeschloß von
dem Garagentor und öffnete es.
»Siehe da!« sagte er voller Stolz. »Ein
echter Reliant Reagal von 1959.«
»Das ist ja ein Dreiradwagen«, sagte Frederick
verächtlich. Und er hatte recht. Der Wagen hatte zwei
Räder hinten und eins vorn. Er war winzig und aus Glasfaserkunststoff.
»Aaah«, sagte der alte Mann mit wissendem Ton
in der Stimme. »Das ist kein gewöhnlicher Dreiradwagen.
Es ist ein magisches Auto. Dieses Auto kann sich in jedes
beliebige andere Auto verwandeln, das Sie sich wünschen.
Sie müssen nur die Augen schließen und sich den
Wagen vorstellen, den Sie wollen, den Wagen Ihrer Träume.«
»Hippie-Quatsch«, protestierte Frederick.
»Kommen Sie schon«, sagte der alte Mann. »Was
haben Sie zu verlieren?«
Frederick seufzte und schloß widerwillig die Augen.
Er dachte an einen großen, teuren roten Ferrari.
»Öffnen Sie die Augen«, flüsterte der
alte Mann. Das tat Frederick. Vor ihm stand ein funkelnagelneuer
roter Ferrari. Sportlich und schnittig.
»Mein Gott«, rief Frederick. »Was ist mit
dem Dreiradwagen passiert?
»Der Ferrari ist der Drei-Rad-Wagen«, sagte der
alte Mann. »Es ist ein magisches Auto. Er kann sich
in jedes Auto verwandeln, das Sie sich wünschen.«
»Kann ich eine Probefahrt machen?«
»Natürlich.«
Frederick fuhr mit dem roten Ferrari, der in Wirklichkeit
ein Reliant Reagal mit drei Rädern war. Er klang wie
ein Ferrari. Er beschleunigte wie ein Ferrari und roch sogar
wie ein Ferrari.
»Das ist großartig«, dachte Frederick. »Wenn
ich jeden Wagen haben kann, den ich mir vorstelle, dann kann
ich ja tolle Sachen machen. Wenn ich von der Straße
runter will, dann stelle ich mir einen Land Rover vor. Wenn
ich mit den Kindern in Urlaub fahren will, stelle ich mir
einen Kleinbus vor mit ganz viel Platz für Gepäck.
Ich kann mir sogar einen riesigen Laster vorstellen, wenn
ich will. Und er verwandelt sich in einen. Ich kann jedes
Auto haben, das ich will. Einen Rolls Royce Silver Shadow,
einen Williams Formel-I-Rennwagen.«
Frederick tauschte seinen kaputten Mercedes gegen den magischen
Dreiradwagen. Der alte Mann sagte, er wolle aus dem Mercedes
eine Statue der Göttin Isis bauen. Frederick war das
scheißegal.
Teil 3 und Schluß)
PWas bisher geschah: Frederick, der für eine reiche,
mächtige Firma arbeitet und dort furchtbar wichtig ist,
hat ein schlimmes Problem. Er will ein neues Auto kaufen und
weiß nicht, welches. Als er abends auf dem Nachhauseweg
eine Autopanne hat, trifft er in einer alten Werkstatt auf
einen alten Mann, der ihm einen alten Dreiradwagen im Tausch
gegen seinen Mercedes andreht. Frederick läßt sich
auf den Handel ein, denn der Dreiradwagen verwandelt sich
in jedes beliebige Auto, das sich sein Fahrer wünscht.
Am nächsten Tag fuhr
Frederick auf den Parkplatz, der für die Angestellten
von »Große Weite Welt Plastik« reserviert
war. Umgeben von einer Aura der Überlegenheit und Zufriedenheit,
stolzierte er ins Büro.
»Hey Fred«, sagte Jim Slug. »Du siehst so
zufrieden aus. Was ist los?«
»Ich hab einen neuen Wagen«, erwiderte Fred arrogant.
»Ach was? Was für einen hast du gekauft? Den Zenith?
Oder den Astro?«
»Nein, ich hab mir einen Ferrari geholt.«
»Ach, du lieber Gott«, sagte Jim erstaunt. »Du
hast einen Ferrari?«
Alle im Büro hatten es gehört. Sie kamen zu Frederick
und stellten ihm Fragen. Wieviel hatte er gekostet? Wieviel
PS, etc. etc. Dann fragte Jim: »Können wir ihn
ansehen?«
»Na klar«, sagte Frederick. »Er steht auf
dem Parkplatz. Ihr könnt ihn vom Fenster aus sehen.«
Alle im Büro rannten aufgeregt zum Fenster. Aber schon
bald amüsierten sie sich.
»Wo ist er?« fragte Jim. »Ich kann ihn nicht
sehen.«
»Na, da unten«, sagte Frederick.
»Ich seh nur einen Haufen Toyotas und Fords.«
»Er steht neben dem schwarzen Jaguar«, sagte Frederick.
Alle keuchten, weil sie es nicht glauben konnten. »Da
steht ein Dreiradwagen«, sagte Jim.
»Nein, es ist ein roter Ferrari«, erklärte
Frederick.
»Du hast einen alten Dreiradwagen gekauft«, sagte
Jim.
»Das ist nicht einfach nur ein Dreiradwagen«,
erklärte Frederick. »Er verwandelt sich in jedes
Auto, das man sich wünscht. Heute ist es ein Ferrari.«
Das ganze Büro brach in hämisches Lachen aus. »Fred
hat einen Drei-Rad-Wagen«, sangen sie wie Kinder auf
dem Spielplatz. Sie machten sich über ihn lustig. Lachten
ihn aus.
»Vier Räder sind gut. Drei Räder sind schlecht«,
sangen sie immer und immer wieder. Frederick fühlte sich
klein, beschämt und ungeliebt. Im Laufe des Tages wurde
es noch schlimmer. Er wurde in das Büro des Chefs gerufen.
»Och, habe gehört, Sie haben einen alten Dreiradwagen
gekauft, Smear?« fragte der Chef ernst. »Unser
persönliches Erscheinungsbild den Kunden gegenüber
ist von absoluter Wichtigkeit. Ihr lächerlicher kleiner
Wagen signalisiert unseren Konkurrenten, daß wir schwach
und ungefährlich sind. Daß wir in der Kommerzwelt
machtlos sind. Sie arbeiten nicht mehr für uns. Sie sind
arbeitslos. Kommen Sie nicht wieder.«
Frederick lief zu den Gesängen seiner Kollegen von »vier
Räder sind gut, drei Räder sind schlecht«
gesenkten Hauptes und beinahe weinend vor Scham aus dem Büro.
Er fuhr nach Hause. Als seine Frau seinen Wagen sah, wurde
sie wütend.
»Du bist angeblich eine mächtige Führungskraft
mit einem wahnsinnig wichtigen Job. Was hast du dir dabei
gedacht, unseren Mercedes gegen diesen alten, winzigen Dreiradwagen
einzutauschen?«
»Es ist ein magisches Auto«, erklärte Frederick.
»Er kann sich in jedes Auto verwandeln, das du möchtest.«
»Du hast den Verstand verloren«, sagte seine Frau.
»Ich zieh zu meiner Mutter, die Kinder nehm ich mit,
und ich beantrage die Scheidung.«
Bald nachdem ihn seine Familie verlassen hatte und er keine
Anstellung mehr hatte, verlor Frederick auch das Haus und
saß auf der Straße. Alles, was er noch hatte,
war der Dreiradwagen. Er wurde verbittert und depressiv und
beschloß, sich das Leben zu nehmen. Er fuhr aufs Land
und fand eine schmutzige Straße, die von Bäumen
und Büschen umgeben war.
»Niemand kann sehen, was ich hier vorhabe«, dachte
er. Und mit einem Stück Seil erhängte er sich im
Wagen.
Aber das war noch nicht das Ende von Frederick. Das Auto war
magisch. Es nahm Freds sterbenden Geist in das Material auf,
aus dem das Auto hergestellt war. Frederick verwandelte sich
in den Dreiradwagen. Das Auto und er wurden eins. Und das
Auto sagte zu ihm.: »Zeit für Rache. Töte
alle, die uns ausgelacht haben. Die Sanftmütigen werden
auf drei Rädern fahren und in das Königreich Gottes
eintreten.«
Am nächsten Tag schloß Jim Slug seinen Wagen ab
und schlenderte über den Parkplatz bei »Große
Weite Welt Plastik«. Plötzlich sprang etwas mit
großem Gebrüll über die Hecke: Es war der
Dreiradwagen. Seine Kühlerhaube verwandelte sich in fletschende
Zähne, die Jim verschlangen. Aber bevor sich seine Lungen
mit Blut füllten und bevor er vollständig gefressen
wurde, fragte er: »Warum tust du mir das an?«
Das Auto antwortete: »Weil du ein selbstgerechtes Arschloch
bist. Dir ist alles egal, außer dir selbst, Geld und
die Mode, der du gerade hinterherrennst.«
Als nächstes sprengte der Dreiradwagen das ganze Bürogebäude
von »Große Weite Welt Plastik« in die Luft.
Bumm!
Der komische, lächerliche Wagen, über den sich alle
lustig gemacht hatten, fuhr an die Tankstelle des alten Mannes.
Er hupte. Der alte Mann trat in seinem Umhang und mit seinem
Zauberstab nach draußen.
»Willkommen daheim, mein magisches Auto«, sagte
er. »Ich hab gesehen, was du getan hast. Du bist mein
Instrument gegen den globalen Kapitalismus. Du und ich, wir
werden die Menschheit vom Wahnsinn befreien. Als nächstes
bekämpfen wir Amerika.« Der alte Mann herzte den
Dreiradwagen und der Wagen, leckte ihm über das Gesicht.
P Aus dem Englischen
von Conny Lösch