Ming erzählt

jungewelt


 

The World of Ming

Verzeichnis

in Englisch

Kräutertöpfe

Übersetzung: Conny Lösch

Fräulein Nessel trottete durch die Straßen und zog ihren Wagen mit Kräutertöpfen hinter sich her. Sie hatte das längst ausgestorbene Plasmiskraut wieder aufgezogen.

"Morgen wird ein toller Tag", dachte sie. "Der Jahrestag der Wiederaufzucht des Plasmiskrauts. Die Zeremonie wird großartig werden. Alle, die ich kenne, werden da sein." Fräulein Nessel blieb vor der Pension, wo sie vorübergehend wohnte, stehen. Sie stellte ihren Wagen ab und sprang leichtfüßig die Stufen zur Haustür hoch. Eine Karte steckte im Fenster. Darauf stand "keine Zimmer frei". Sie rieb sich vor Freude die Hände. Das bedeutete, daß ihre Vermieterin auf das Spiel "der arme und müde Reisende sucht Übernachtung" vorbereitet war.

Sie klingelte und wartete mit angehaltenem Atem. Die Tür öffnete sich langsam. Drinnen war es dunkel. Plötzlich tauchte ein Kopf auf. Er sah böse aus. Das Gesicht der Frau war so weiß, als ob sie tot wäre. Ihre Augäpfel waren dunkelgrün. Und sie hatte einen langen Mund, dessen Mundwinkel sich, wenn sie lächelte, bis zu ihren Ohren hochzogen und spitze Kaninchenzähne bloßlegten. Das war Fräulein Nessels Vermieterin, und offensichtlich war dies die Maske, die sie trug, um ihr Spiel zu spielen. Das einzige Problem war, daß sie sie an ihrem echten Gesicht festgeklebt hatte, damit sie nicht mehr runterrutschte. Und jetzt konnte sie nicht mehr abnehmen, ohne sich einer Schönheitsoperation unterziehen zu müssen. Aber es hatte auch Vorteile. Die Gäste machten sich vor Angst in die Hosen und Fräulein Nessel liebte das.

"Was kann ich für Sie tun, Fräulein?" fragte die Vermieterin.

"Ich hätte gerne gewußt, ob Sie vielleicht ein Zimmer zu vermieten haben?" fragte Mildred hoffnungsfroh.

"Tut mir leid, aber wir sind voll."

Mildred tat, als wollte sie in Tränen ausbrechen. "Oh, ich bin so weit gelaufen", schluchzte sie. "Ich habe Blasen an den Füßen. Können Sie nicht sehen, daß ich mit meiner Weisheit am Ende bin? Ich muß mich ausruhen, oder ich werde an Auszehrung sterben."

Die Unterlippe der Vermieterin begann zu zittern, als sie diese Elendsgeschichte hörte. Das Spiel lief gut.

"Weine nicht, mein Herzchen. Heute morgen hat jemand sein Zimmer geräumt. Das kannst du haben."

"Wirklich?" schniefte Mildred.

"Ja", flüsterte die Vermieterin zutraulich. "Hier entlang", sagte sie und stieg die Wendeltreppe hoch.

"Ich finde Sie wunderschön", sagte Fräulein Nessel.

"Küssen Sie mich", sagte die Vermieterin.

"Noch nicht. Sie spielen zu schnell", sagte Fräulein Nessel ärgerlich.

"Wie heißen Sie?

"Fräulein Nessel, Mildred Nessel."

"Mildred. So ein hübscher Name. Er erinnert mich an Wonder-Bras. Hier ist Ihr Zimmer. Sie warten draußen, ich räum’ noch schnell die Scheiße weg."

Die Vermieterin ging hinein und blieb zehn Minuten drin.

"Jetzt können Sie reinkommen", schnurrte die Vermieterin.

"Ah, ein Bett. Ich bin so müde", sagte Fräulein Nessel und warf sich drauf, um zu ruhen.

"Armes Schäfchen. Ruhen Sie sich aus. Ich hole ihre Taschen."

"Sie sind so nett. Frau...?"

"Frau Flasche. Aber sie können Vermieterin zu mir sagen. Ihre Füße sehen so geschwollen aus, vom vielen Laufen. Ich will sie massieren." Die Vermieterin begann, an Mildreds Zehen herumzudrücken. Sie seufzte und schloß ihre Augen und atmete schwer. "Oh ja. Das tut gut." Die Vermieterin begann lustvoll dran zu lutschen. Nach einer Weile setzte sich Fräulein Nessel auf. "Genug. Lassen Sie uns mit dem zweiten Teil des Spiels fortfahren. Ich will Ihnen die anderen Gäste vorstellen", sagte die Vermieterin.

Die beiden gingen ins Wohnzimmer. Drei Leute saßen am Essenstisch. Mr. Grusatut, ein alter Mann über fünfzig, der gediegen aussah und manchmal Frauen haßte. Sein Geschäftspartner Mr. Solide. Er begegnete Frauen mit einer anderen Haltung. Er hielt sich für einen "Neuen Mann", aber er war sehr schleimig. Bis zu den Handschuhen vollkommen in Schwarz gekleidet war die fiese Frau. Fräulein Nessel setzte sich zu ihnen.

"Das ist Fräulein Nessel", sagte die Vermieterin. "Unser neuer Gast."

"Womit verdienen Sie Ihr Geld, Fräulein Nessel?" fragte Mr. Solide. "Oder sind Sie Hausfrau?"

"Wenn sie Hausfrau wäre, wäre sie kein Fräulein, du dummes Arschloch", sagte Mr. Grusatut und kratzte sich am Sack.

"Ich ziehe ausgestorbene Kräuter auf", sagte Fräulein Nessel.

"Karrierefrau, was?" sagte Mr. Grusatut.

"Mr. Grusatut und ich sind im Geschäft. Wir sind Vertreter der Bootleg Rock Company. Wir reisen durchs Land und suchen nach Kleinscheiß, der illegal produziert wurde. Wir sind außerdem Windelfetischisten. Sie wissen schon, sabbern und ins Bett machen. So was in der Art."

Mildred nickte wissend.

"Was ist mit dem verdammten Abendbrot", sagte die fiese Frau. "Übrigens bin ich Auftragsmörderin", setzte sie hinzu.

Nach mehreren Tassen Tee gingen die Gäste zu Bett und überließen es der Vermieterin aufzuräumen. Dann zündete sie eine Kerze an und kroch die Wendeltreppe hoch. Stimmen drangen aus dem Zimmer der fiesen Frau.

"Ihr zwei bösen Babies", schrie sie. "Das sind schon die dritten Windeln, die ihr heute schmutzig gemacht habt."

"Aber Mammi, wir wollen Eis. Biiiitttttteee Mammi", jaulte Mr. Solide. "Ich sag’ euch, was ihr bekommt. Papas Puschen", sagte die fiese Frau streng.

Die Vermieterin trat in Fräulein Nessels Schlafzimmer. Mildred, die im Bett war, sah von dem Buch auf. "Es ist Zeit für Teil drei unseres Spiels", sagte sie.

"Gut." Die Vermieterin atmete schwer. "Ich habe schon den ganzen Abend darauf gewartet, Ihre Brüste mit meinen dicken Dingern zu quetschen", sagte sie und knöpfte ihr Oberteil auf.

Während die Vermieterin ihren nackten Körper an Fräulein Nessel rieb, dachte diese an morgen. Was für ein toller Tag es werden würde. Die jährliche Feier zur Wiederaufzucht des Plasmiskrauts. Sie würde einen Kranz aus Kräutern flechten und ihn über einen Laternenpfahl werfen. Sie konnte es nicht erwarten.

PPP "Verfickt & zugenäht. Nette Geschichten aus der Stadt." Mings gesammelte Stadtgeschichten, sind im Maas Verlag erschienen (Berlin 2000, 88 Seiten, DM 18). Sexton Ming (Foto) liest und spielt mit seiner Band The Tasty Ones: 25.3. Leipzig/Ilses Erika, 26.3. Nürnberg/Zwingerbar, 27.3. Augsburg/Pavian, 28.3. München/ Club 2, 29.3. CH-Bern/Café Kairo, 30.3. Freiburg/Jos Fritz Café, 31.3. Frankfurt am Main/ Dreikönigskeller, 1.4. Kassel/ Lolitabar, 2.4. Hamburg/Westwerk (plus Ausstellungseröffnung "Die Stuckisten").


Sexton Ming

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